Mehr Bewusstsein für Essstörungen entwickeln – BTZ Leipzig spezialisiert sich

Jeweils in der letzten Woche im Februar möchten Vereine und Organisationen auf das Thema Essstörungen aufmerksam machen. Das Berufliche Trainingszentrum am Berufsförderungswerk Leipzig hat sich unter anderem im Prozess der beruflichen Rehabilitation auf dieses Erkrankungsbild spezialisiert.

Essstörungen: Sensibles Thema, das im BTZ Leipzig große Aufmerksamkeit findet. © M. Lindner, BFW Leipzig
Essstörungen: Sensibles Thema, das im BTZ Leipzig große Aufmerksamkeit findet. © M. Lindner, BFW Leipzig

Die aktuelle Woche stand unter dem Motto „Nationale Woche zur Sensibilisierung für Essstörungen 2021“ und geht auf eine Initiative aus Amerika* zurück. Auch in Deutschland soll das Bewusstsein für dieses Krankheitsbild geschärft werden. Im Beruflichen Trainingszentrum am Berufsförderungswerk Leipzig (BTZ Leipzig) werden derzeit mehrere Teilnehmende mit dieser Verhaltensstörung auf ihren Weg in eine berufliche Zukunft vorbereitet. Die Einrichtung, die ausschließlich Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen bei ihrer Rückkehr ins Arbeitsleben begleitet, hat sich mittlerweile auch auf Essstörungen spezialisiert.

„Wir haben festgestellt“, so Marko Daubitz, Fachbereichsleiter der Beruflichen Trainingszentren in Leipzig und Chemnitz, „dass wir mit der Eröffnung unserer Jugendmaßnahmen vermehrt mit diesem Thema in Verbindung gekommen sind.“ Im besonderen Fokus stehen bei den jungen Erwachsenen Anorexie nervosa und Bulimia nervosa. „Doch Essstörungen sind nicht nur Thema bei jungen Menschen, auch im Bereich der Erwachsenenmaßnahmen ist dieses Krankheitsbild zu finden, welches durch Stress im Alltag und im Arbeitsleben ausgelöst werden kann“, erläutert Marko Daubitz.

Bei diesen am häufigsten auftretenden Essstörungen handelt es sich um sehr schwere Erkrankungen, die mit einem langen Leidensweg und diversen psychischen Komorbiditäten wie Depression, Angststörungen oder Persönlichkeitsstörungen verbunden sind. Betrachtet man aktuelle Studien, so haben 10 Jahre nach dem ersten Klinikaufenthalt noch gut 40 Prozent Symptome, die den Alltag beeinträchtigen. Während 10-20 Prozent noch das Vollbild der Erkrankung aufzeigen. Nur gut die Hälfte der Betroffenen kann als geheilt betrachtet werden.

„Gerade im Prozess des Erwachsenwerdens und in Hinblick auf eine berufliche Perspektive müssen wir sehr sensibel auf unsere Teilnehmenden eingehen“, erklärt Liane Neumann. Sie ist Ökotrophologin im BTZ Leipzig und begleitet die Teilnehmenden während ihrer Rehabilitationsmaßnahmen in allen Frage der gesunden Ernährung. „Wir wissen, dass die Betroffenen sehr geschickt sind, ihre Krankheit zu verbergen. Weite Kleidung oder eine besondere Frisur, die das Aussehen kaschieren.“ Regelmäßiges Wiegen gehört daher zum Unterstützungsprogramm.

„Doch viel wichtiger ist, dass wir die unterschiedlichen Ursachen der Erkrankung im Auge behalten, um so eine positive Entwicklung zu beeinflussen“, ergänzt ihr fachlicher Leiter Marko Daubitz. Oft stehen hinter einer Essstörung Erlebnisse aus der Vergangenheit, die die betroffenen Personen nicht verarbeitet haben. Dazu zählen u. a. Missbrauchsfälle oder ein gestörtes Körperbild. „Wenn ich allein bedenke, dass sich der Taillenumfang der Barbie-Puppe in den letzten Jahrzenten um fast 40 Prozent reduzierte, dann kann die Grundlage einer Körperbildstörung bereits im Kinderzimmer liegen“. Die Folgen im Alltag der Betroffenen, die man in unseren Rehabilitationsmaßnahmen beobachtet, sind gravierend. „Die Mangelversorgung kann zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führen. Dadurch sinkt die Konzentrationsfähigkeit“, fährt er fort. „Wir haben Fälle, mit einem Body-Mass-Index von 17,5, welche gerade einmal eine Stunde dem Unterrichtsverlauf folgen können.“ Daher werden die Teilnehmenden beispielsweise beim Mittagessen in unserem Casino begleitet. Liane Neumann: „Dabei achten wir darauf, dass nicht getrickst wird, sondern ein normales Maß an Energie mit der Mahlzeit aufgenommen wird. Zwei Scheiben Knäckebrot und ein Bonbon reichen als Tagesration nun einmal nicht aus.“

„Essstörungen sind ein sehr komplexes Thema“, darauf verweist der Fachbereichsleiter des BTZ Leipzig. „Wir haben unsere Psychologen und Sozialpädagogen entsprechend sensibilisiert und geschult. Sie gehen sowohl auf die Krankheit ein, nehmen den Menschen wahr, müssen die Betroffenen aber gleichzeitig auch fordern, ihr Essverhalten zu ändern.“

Es bedarf eines engen Zusammenwirkens vieler Partner. So arbeiten sowohl Psychologen und Sozialpädagogen, als auch Ökotrophologen und Ärzte eng zusammen. „Wir sind zudem sehr eng in Sachsen zum Thema Essstörungen vernetzt“, sagt Marko Daubitz. „So kooperieren wir mit dem BEL – Beratungszentrum Ess-Störungen Leipzig und sind aktives Mitglied im Netzwerk Essstörungen Sachsen. Mit dem NESSA werden wir im Herbst zu diesem Thema ein Symposium in Leipzig durchführen. Hiervon erwarten wir weitere Impulse, um auf die Erkrankung mehr aufmerksam zu machen und uns zu einem Rehabilitationszentrum für Betroffene mit Essstörungen im Beruflichen Trainingszentrum am Berufsförderungswerk Leipzig etablieren.“

*Hintergrund:

Jeweils in der letzten Februarwoche des Jahres setzt die amerikanische Initiative NEDA (National Eating Disorders Association) vor allem Anorexie und Bulimie ins Rampenlicht, um sowohl Neuerkrankungen zu verhindern, Betroffene in Behandlung zu bringen sowie Wissen zu den Krankheitsbildern der verschiedenen Essstörungen, zum Gewicht und dem Körperbild zu vermitteln. Dem Motto dieser Aktion: „Every Body has a Seat at the Table – Jeder Körper hat einen Platz am Tisch“ schließen sich weltweit Verbände und Organisationen dieser Aktionswoche an, um auf das Thema Essstörungen in der Gesellschaft aufmerksam zu machen.